Was heißt eigentlich … studieren?

Studieren, für mich heißt das über den Tellerrand schauen, wahnsinnig tolle Menschen treffen, lernen was ich wirklich will und mehr als einmal den inneren Schweinehund überwinden. Eine Studentin an der Uni berichtet.

7 Uhr, der Wecker klingelt. Ich taste mit verquollenen Augen nach dem Snooze- Knopf und drehe mich noch einmal herum. Zu früh aufstehen, ich hatte gedacht, das gehört mit dem Beginn meines Studiums der Vergangenheit an. Natürlich könnte ich auch einfach liegen bleiben, doch dann fehlt die Vorlesung. Ausgerechnet jetzt, kurz vor den Prüfungen, wo bestimmt der klausurrelevante Stoff besprochen wird.
An der Uni studieren, das hieß für mich immer wieder einmal mehr, über den eigenen Schatten zu springen. Egal ob beim frühen Aufstehen, beim rechtzeitigen Lernen oder organisatorischen Zettelkriegen. Die Zeiten, wo mir jemand sagte, was ich zu tun habe, waren nun endgültig vorbei. Das brachte mir große Freiheit, aber teilweise auch schlaflose Nächte.

PROBIEREN GEHT ÜBER STUDIEREN

Los ging es mit der Organisation meines Studiums, denn die lag von Beginn an in meinen eigenen Händen. Und wenn ich in meinem Studium neben Fachwissen noch etwas gelernt habe, dann Organisationstalent- von der Einschreibung bis zu meiner Abschlussarbeit. Das eigene Studium selbstständig zu strukturieren und zu planen, das war die erste große Herausforderung. Es gibt zu jedem Studiengang ein Modulhandbuch, worin steht, welche Kurse im Studium Pflicht sind. Und trotzdem galt es, mich durch zahllose Kennziffern und Beschreibungen zu stöbern und Veranstaltungen zu sichten, um herauszufinden, was ich wann belegen muss und mir letztlich einen Stundenplan zu erstellen. Dasselbe Spiel bei Krankmeldungen, der Anmeldung für Prüfungen oder meine Abschlussarbeit. Fristen beachten, Formulare einreichen oder sich online registrieren- in meinem Studium musste ich mich immer wieder neu strukturieren und organisieren, das aber zum Großteil nach meinen Bedürfnissen.

ES GEHT UM DICH

So beschloss ich im zweiten Studienjahr eine Hausarbeit um ein Jahr zu verschieben, da ich neben Arbeit, Prüfungen und anstehendem Auslandsjahr zu viel Stress und einfach keine Kapazitäten mehr hatte. An der Uni kein Problem. Dafür musste ich nur damit leben, ein Jahr später den Sommer in der Bibliothek zu verbringen, während andere im Freibad herumlungerten.

In den letzten Semestern kam ich dann, dank meiner grandiosen Stundenplanorganisation, in den Genuss eines langen Wochenendes. Montag und Freitag frei, nie vor 10 Uhr Uni. Für mich als Morgenmuffel ein Traum, denn das kommt meinem persönlichen Biorhythmus sehr entgegen. Auch wenn andere dafür schon nachmittags zu Hause waren und ich teilweise noch bis zum Abend auf dem Campus, war das meine ganz persönliche Freiheit und wo sonst kann ich diese so ausleben?

DER INNERE SCHWEINEHUND, MEIN TREUER BEGLEITER

Frei entscheiden musste ich auch in der Prüfungszeit- und zwar, ob ich lieber in den Park gehe oder mich hinsetze und lerne, einfach war das auf keinen Fall. Nicht immer war ich dabei so diszipliniert und dann plötzlich - BAM! Obwohl man es eigentlich hätte wissen müssen, stehen, wie jedes Semester, wieder einmal völlig unverhofft die Klausuren vor der Tür. Dann bricht schnell Panik aus und die Quittung für meine freien Nachmittage folgte: Lange Arbeitstage in der Bibliothek und kurze Nächte. Rückblickend war das die stressigste Zeit im Studium, die Prüfungszeit, auch wenn das größtenteils an mir selbst lag. Das ist die Schattenseite des sonst so flexiblen Studierendenalltags und der frei einzuteilenden Zeit. Irgendwann kommt der Punkt, wo die Arbeit unumgänglich ist. Kaum etwas hat mir so viel Selbstdisziplin abverlangt, wie mich aus freien Stücken und ohne unvermittelten Druck hinzusetzen und zu büffeln. Genauso hätte es außer meinem schlechten Gewissen niemanden so wirklich interessiert, ob ich nun regelmäßig um 8 Uhr zur Vorlesung erscheine. Und hätte ich ausschlafen wollen, hätte mich niemand daran gehindert. Diese Freiheit ist es, die ich am Studium an der Uni so genossen habe, auch wenn ich erst lernen musste damit umzugehen.

DURCH DICK UND DÜNN

Ohne meine Kommilitonin und gute Freundin, wäre das einiges schwerer gewesen. Zwar gibt es an der Uni statt Klassen, wie man sie aus der Schule kennt, Hunderte von Mitstudierenden, die über den Campus verteilt sind und oft sitzt man mit komplett anderen Studiengängen in einer Vorlesung. Doch gerade im Studium, wo jeder unabhängig voneinander studiert, war es für mich Gold wert, gute Freunde und Lernpartner zu haben. Das sind vielleicht nicht immer die eigenen KommilitonInnen, immerhin trifft man in Vorlesungen und Seminaren Studis aller Fachrichtungen, aber alle haben wir es gemeinsam, sich am Ende des Semesters aufzuraffen und eigenständig arbeiten zu müssen. Klar ist das leichter, wenn die eigenen Freunde statt beim Grillen auch in der Bibliothek sitzen- denn geteiltes Leid, ist eben halbes Leid.

WIEDERHOLUNGSTÄTERIN

Nach drei Jahren kann ich auf jeden Fall sagen, dass mein Studium eine wichtige Zeit war, die mich persönlich weitergebracht hat und die ich nicht missen möchte. Hat mich mein Studium außerdem herausgefordert, mir lange Nächte und lernbedingte Panikattacken beschert? Ja. Und gab es Momente, wo ich am liebsten alles abgebrochen, meine Wohnung gekündigt und den Rucksack gepackt hätte, um wegzulaufen? Durchaus. Würde ich es trotzdem immer wieder tun? Auf jeden Fall!