Orientierungsstudium: Erst probieren, dann studieren

Eine fundierte Studienwahl ist die beste Basis für Studienzufriedenheit und einen guten Abschluss. Das Orientierungsstudium ebnet dafür den Weg. Was Eltern über dieses Angebot wissen sollten, weiß Prof. Dr. Louisa Klemmer von der Hochschule Harz.

Zum Wintersemester 2018/19 startet das neue Orientierungsstudium an der Hochschule Harz. Interessierte können sich ab jetzt bewerben, die Frist endet am 31. August. Mit der verantwortlichen Professorin, Prof. Dr. Louisa Klemmer, haben wir vorab gesprochen und erfahren, was ein Orientierungsstudium überhaupt ist und warum es ein optimaler Start ins Studium sein kann.

Frage: Für viele junge Menschen spielen Eltern in der Phase der Studienorientierung eine wichtige Ratgeberrolle. Nicht selten fühlen sie sich jedoch in dieser Rolle selbst etwas hilflos, da gar nicht alle Angebote präsent sind, bzw. zu eigenen Ausbildungs-/Studienzeiten existierten. So auch das Angebot eines Orientierungsstudiums. Was genau ist ein Orientierungsstudium?

Prof. Dr. Louisa Klemmer: Bei fast schon 20.000 Bachelor-Studiengängen deutschlandweit einen Überblick zu behalten und sich dann noch für ein Studium zu entscheiden, stellt auf jeden Fall eine Herausforderung dar. Mit 17 oder 18 Jahren schon zu wissen was man in Zukunft tun will, ist sehr viel verlangt! Wir wollen all jene erreichen, die noch nicht genau wissen, in welche Fachrichtung es gehen soll. Wer „studieren probieren“ will, ist bei uns nicht auf einen Schwerpunkt festgelegt, sondern kann Module aus den Fachbereichen Automatisierung und Informatik, Verwaltungswissenschaften sowie Wirtschaftswissenschaften testen. So ist es zum Beispiel möglich, im ersten Semester gleichzeitig Lehrveranstaltungen aus den Studiengängen ‚International Tourism Studies‘ , ‚Medieninformatik‘ und ‚Europäisches Verwaltungsmanagement‘ zu belegen. Ergänzt wird das ein- oder zweisemestrige Programm durch die Vermittlung von studienrelevanten Schlüsselkompetenzen und Berufsperspektiven.
Im Anschluss an das Orientierungsstudium können die Teilnehmer_innen bei Erfüllung der jeweiligen Zulassungsvoraussetzungen direkt an der Hochschule Harz weiterstudieren und ihre Prüfungsergebnisse anrechnen lassen. Sie verlieren also keine Zeit, sondern sammeln schon Credit Points und erlernen frühzeitig wichtige Schlüsselkompetenzen, die für das gesamte Studium von Nutzen sind.

Frage: Für wen eignet sich das Orientierungsstudium? Auf welche Anzeichen sollte man als Eltern achten und ggf. ein Orientierungsstudium als Einstieg einem „Direktstudium“ vorziehen? Können Sie Anzeichen benennen, für die man als Eltern sensibel sein sollte, bzw. welche Gründe sprechen aus Ihrer Sicht für die Entscheidung ein solches Angebot dem eigentlichen Studium vorzuschalten?

Prof. Dr. Louisa Klemmer: Das Orientierungsstudium ist dann besonders passend, wenn es Unsicherheiten in der Studienentscheidung gibt bzw. wenn unklare Vorstellungen von Unterschieden oder Schwerpunkten bei Studiengängen oder Studienfeldern bestehen.
Obwohl die Erfassung dieser Zahlen schwierig ist, geht man davon aus, dass fast jeder Dritte sein Studium abbricht oder den Studiengang wechselt. Hier kann ein vorgeschaltetes Orientierungsstudium viel Frust und Zeitverlust ersparen, weil der Hochschulalltag unter realen Bedingungen getestet wird. Weiterhin geht es bei uns auch um die Stärkung von Schlüsselkompetenzen, die langfristig wichtig sind – egal wo oder was studiert wird. Dazu zählen wissenschaftliches Arbeiten, aber auch die Verbesserung rhetorischer Fähigkeiten oder die Vertiefung mathematischer Grundlagen. Durch Ringvorlesungen, die unsere erfolgreichen Absolvent_innen halten, kommen die Studierenden früh in Kontakt mit unterschiedlichen Berufsgruppen und spannenden Karrierewegen.
Dadurch, dass wir fachübergreifend arbeiten, wird es bestimmt auch so manche Überraschung für die Teilnehmer_innen geben: wenn persönliche Vorlieben und Stärken neu einsortiert und angewendet werden, erschließt sich vielleicht ein völlig neuer Traumjob. Ich selbst habe z.B. einen betriebswirtschaftlich-soziologischen Hintergrund, als ich jedoch das erste Mal an der Hochschule Harz die hochmodernen technischen Labore besucht habe, dachte ich: ‚Das hätte auch etwas für dich sein können – nur wärst du darauf nie von selbst gekommen‘.
Ein weiterer Punkt ist die Entzerrung der Studieneingangsphase; ein sanfterer Übergang ist für viele junge Studierende hilfreich. Da nicht sofort alle Leistungen zählen, wird auch der Leistungsdruck minimiert. Besonders an der kleinen und familiären Hochschule Harz gibt es eine hervorragende Betreuung durch Professor_innen und Hochschulmitarbeiter_innen – innerhalb des Orientierungsstudiums kommt dann noch ein intensives persönliches Coaching dazu.

Frage: Gibt es Besonderheiten des Orientierungsstudiums an der Hochschule Harz im Vergleich zu anderen Angeboten bspw. des MINTgrün Angebotes der TU Berlin?

Prof. Dr. Louisa Klemmer: Unser Angebot ist tatsächlich einzigartig in Mitteldeutschland, wir nehmen also eine Vorreiterrolle ein. Es gibt zwar einige Projekte, die in eine ähnliche Richtung gehen, aber zumeist ist die Orientierung an den MINT-Bereich (also: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) geknüpft. Uns ist jedoch wichtig, dass ALLE Studiengänge ALLER drei Fachbereiche ausprobiert werden können, so erreichen wir auch vielseitig Interessierte, die zumeist große Schwierigkeiten haben, sich festzulegen.

Frage: Aus Elternsicht auch elementar ist die Frage nach der Finanzierung. Wird ein Orientierungsstudium bspw. auch durch BAföG gefördert?

Prof. Dr. Louisa Klemmer: Der BAföG-Anspruch ist tatsächlich ein umfangreiches und komplexes Verfahren. Wichtig ist uns: Im Rahmen des Orientierungsstudiums lassen wir niemanden allein. Alle Teilnehmer_innen werden individuell betreut, dazu gehört auch eine umfassende Beratung zur Studienfinanzierung – viele der zahlreichen Stipendien- und Unterstützungsprogramme sind den meisten Studierenden und Eltern nämlich gar nicht bekannt.

Prof. Dr. Louisa Klemmer (*1974) ist Prorektorin für Studium, Lehre und Internationalisierung an der Hochschule Harz und Koordinatorin des Orientierungsstudiums. Sie wurde 2013 als Hochschullehrerin für Betriebswirtschaftslehre/ Tourismusmanagement an die Hochschule Harz berufen und war als Studiengangskoordinatorin für den größten Studiengang – Tourismusmanagement – verantwortlich. Die Mutter eines elfjährigen Sohnes ist verheiratet und lebt in Goslar, aufgewachsen ist sie in Deutschland, England, Spanien und den USA. Nach einem Soziologie-Studium an der Wake Forest University in North Carolina folgten Master-Studium und Promotion an der University of Florida. Die junge Professorin bringt zudem Praxiserfahrung mit: Über mehrere Jahre war sie im Management von fünf familienbetriebenen Hotels beschäftigt und hat als Mitgründerin und Inhaberin ein Restaurant in Gainesville, Florida, geführt.