Persönlichkeit: Be brave

Mut, Offenheit und Neugier lassen uns neue Wege gehen. Warum wir aufhören sollten, so erwachsen zu sein und Schokoeis nicht immer eine gute Wahl ist.

Steht man im Sommer in einem der vielen überfüllten Eisläden, kann man perfekte Sozialstudien führen. Es gibt genau zwei Typen Mensch. Auf der einen Seite, die „Ich nehm immer Schoko-Vanille“- Fraktion: hier wird seltenst abseits der Standardsorten bestellt, abgesehen von gelegentlich Amarena-Kirsch werden keine Risiken eingegangen, denn mit dem klassischen Fürst-Pückler-Trio weiß man, woran man ist, „das schmeckt immer“. Auf der anderen Seite gibt es Menschen wie mich, die die Auslage automatisch nach den experimentellsten Sorten scanne, anstatt auf Altbewährtes zurückzugreifen. Egal ob Chili-Erdnuss, Himbeere-Quinoa oder Gurke-Basilikum-Limette, meine Neugier ist größer als die Angst vor ekligen Überraschungen. Und so lautet meine oberste Devise: Alles ausprobieren. No risk no fun.

SPRINGINSFELD VS. GEWOHNHEITSTIER

Offenheit für neue Erfahrungen, Neugier und Mut, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen: Was bei Wahl des Eissortiments beginnt, spielt in Lebenslagen unterschiedlicher Dimensionen eine wichtige Rolle und ist Teil unserer Persönlichkeit. In der Psychologie steht die Eigenschaft Offenheit für eine der fünf Hauptdimensionen einer Persönlichkeit, den Big Five, die unseren individuellen Charakter bestimmen. Menschen, bei denen dieses Persönlichkeitsmerkmal besonders ausgeprägt ist, werden als wissbegierig, neugierig, erfinderisch, fantasievoll, experimentierfreudig, einfallsreich, originell und künstlerisch interessiert beschrieben.
Wer eine starke Ausprägung dieses Charakterzuges hat, ist offen für neue Ideen, schert sich nicht viel um die Meinung anderer und hinterfragt gern bestehende Normen. Vor allem aber wird die Abwechslung geliebt und Routine verachtet, egal ob bei neuen Hobbys, exotischen Reisezielen oder besonderem Essen.
Getrieben von so viel Erlebnishunger und unbändiger Neugier, würde sich der- oder diejenige wahrscheinlich einzig und allein mit einer Rolle Bindfaden, einer Zahnbürste und Flip Flops auf den Weg nach Sibirien machen, um zu sehen, was alles passieren kann.
Umgekehrt werden Menschen mit schwach ausgeprägter Offenheit tendenziell eher als konservativ, konventionell und vorsichtig in ihrem Denken und Handeln beschrieben. Sie meiden Veränderungen und bevorzugen das Bekannte und Bewährte ebenso wie Traditionen. Extrembeispiele sind jene Personen, die jedes Jahr gern an den gleichen Ort in den Urlaub fahren, auch in internationalen Restaurants am liebsten bestellen, was sie von zu Hause kennen und neue Ideen und Wertvorstellungen zu übernehmen ablehnen, wenn doch alles beim Alten belassen werden kann.

WER NICHT WAGT…

Offenheit neuen Aufgaben, anderen Menschen und ungewöhnlichen Ideen gegenüber, das fordert geistige Flexibilität und Mut. Neuem erst einmal mit Skepsis zu begegnen ist völlig normal – schließlich lässt sich nicht erahnen, was sich dahinter verbirgt und so lange bestimmte Erfahrungswerte fehlen, will man kein Risiko eingehen.
Mut bedeutet, dieser Ungewissheit die kalte Schulter zu zeigen und zu tun, was man für richtig hält. Fast alle Menschen haben vor etwas Angst: Viele Bergsteiger_innen haben Höhenangst, Schauspieler_innen haben auch nach der tausendsten Vorführung noch Lampenfieber und Ärzt_innen vor großen OPs die Sorge, etwas könne schiefgehen. Nur wer bereit ist, sich selbst zu überwinden und die eigene Komfortzone zu verlassen, kann wirklich weiterkommen. Mutig sein bedeutet demnach nicht, keine Angst zu haben, sondern diese zu überwinden.

WERD‘ ENDLICH ERWACHSEN?

Im Umgang mit den eigenen Ängsten gilt durchaus: Initiative ist die beste Verteidigung. Wer den ersten Schritt wagt und sich neuen Situationen aussetzt, konfrontiert seine inneren Zweifel und lässt sie oft verpuffen. Das kann ein unangenehmes oder schwieriges Gespräch, ein bewusster Neuanfang in einer anderen Stadt oder vielleicht auch nur eine sehr spezielle Eissorte sein. Für wen es schwerfällt, die Kontrolle abzugeben, wird es ein mutiger Schritt sein, anderen zu vertrauen und nicht immer alles bestimmen zu wollen.
Mutig und offen für Neues zu sein ist nicht leicht und scheint mit dem Alter schwerer zu werden, dabei haben wir es nur verlernt. Als Kind ist man in vielen Situationen furchtloser, weil das Wissen um das, was alles passieren kann, fehlt. Mit zunehmendem Alter zerbricht man sich über mögliche Konsequenzen den Kopf und ist weniger risikofreudig. Manchmal ist weniger Grübeln mehr. Wer mit einer gewissen Unvoreingenommenheit an neue Situationen und Probleme herangeht, hat weniger Angst vor den Konsequenzen. Solange man nicht Gefahr läuft in die Naivität abzurutschen, braucht es genau diese Unbekümmertheit ab und an, um große Schritte zu machen und mutige Entscheidungen zu treffen. Also vielleicht doch Rosmarin-Mango probieren?