Mut zur Mittelmäßigkeit

In einer Welt voller Überflieger, kommt man sich schnell wie das hässliche Entlein vor. Warum wir uns lieber an die eigene Nase fassen sollten und Robin viel cooler als Batman ist.

Du bist gerade fertig mit der Schule oder dem Studium und kannst nicht bereits eine Weltreise, drei Auslandsaufenthalte, fünf Praktika in hippen Start-Ups, einen ehrenamtlichen Job in einer NGO oder das erste Bundesverdienstkreuz mit 12 Jahren zu deinem Lebenslauf zählen?
Zum Glück! Denn damit bist du völlig normal und gehörst zu den realen Menschen hinter zahllosen schillernden Instagram-Accounts, amerikanischen Erfolgsgeschichten und sozial engagierten Facebook-Posts.

EINE WELT VOLLER SCHOKOLADENSEITEN

Ein Klick in die Sozialen Medien, Talkshows oder Ratgeberliteratur zeigen: Überflieger, wohin das Auge sieht und damit indirekt die Frage, warum man selbst eigentlich nicht so toll ist. Ein sportliches Foto vom letzten Marathonlauf hier, ein Bild aus dem Karibikurlaub da, außerdem das ehrenamtliche Engagement neben dem Vollzeitstudium mit Kind und der Promotion – say what?!

Was wir hier zu sehen bekommen, ist immer nur das best of, das, was uns andere sehen lassen wollen. Wo sind all die „Normalos“ unter uns; die Menschen, die nachts betrunken heimlich Döner essen, die keinen Kopfstand können, ein Studium abbrechen oder Urlaub in Balkonien statt dem Amazonas machen?

Wir Menschen sind soziale Tiere, soziale Anerkennung ist ein Grundbedürfnis wie das nach Essen und Trinken, ohne sie kann kein Mensch existieren. Forscher erklären das evolutionsbiologisch: Um im Nahrungswettbewerb gegen andere Primatenarten bestehen zu können, musste der Mensch ab einem bestimmten Zeitpunkt größere Säugetiere jagen. Weil das alleine nicht ging, wurde es für den Einzelnen überlebenswichtig, in der Gruppe zu funktionieren und von dieser angenommen zu werden. Und am ehesten werden wir von anderen angenommen und akzeptiert, wenn wir uns von unserer Schokoladenseite zeigen. Zumindest scheinen wir das zu glauben.

Das Ergebnis ist allgegenwärtig: eine (mediale) Welt voller perfekter Schokoladenfrauen und -männer, die wenig mit der Realität gemein hat. Doch was macht diese Omnipräsenz an Perfektion mit uns?

SCHÖNER, KLÜGER, BESSER

In dem Sozialverhalten von uns Menschen bleibt der Vergleich mit anderen nicht aus, denn erst durch die Spiegelung im Anderen, können wir uns selbst abgrenzen und definieren. Doch genauso kann das ewige sich vergleichen anstrengend, sogar schädlich sein.
Wer unsicher ist und an sich selbst zweifelt, der findet in den öffentlichen und sozialen Medien an Stelle von Bezugspunkten immer jemanden, der noch erfolgreicher, klüger, schöner – einfach besser – ist. Das alles so leichtfüßig und schön verpackt, dass das Dasein als Allroundtalent wie ein Kinderspiel wirkt und sofort implizit die Frage mitschwingt: Warum schaffst du das eigentlich nicht? Das kann ziemlich deprimierend sein und das eigene Selbstwertgefühl in den Keller sinken lassen oder zum Wunsch nach ständiger Selbstoptimierung führen.

Dieses latent schlechte Gewissen, was uns mit der heilen Internetwelt eingetrichtert wird, hat viele Symptome. Schönheits-OPs von der Nase bis zu den Geschlechtsteilen; Fitness-Apps, die gelaufene Kilometer und Schnelligkeit live mit Freunden teilen; unbezahlte 40-Stunden-Wochen bei der Jagd nach möglichst vielen Praktika in namenhaften Unternehmen oder sogar gefälschte Abschlüsse und Zertifikate, nur um besser dazustehen. Dabei braucht die Welt nicht nur Überflieger, sondern auch einfach Menschen, die das, was sie machen vielleicht nicht am tollsten, aber mit Leidenschaft tun. Was wäre schließlich Sherlock ohne Watson, was Batman ohne Robin?

KAMPF DEM PERFEKTIONISMUS

Vergleiche können hilfreich sein, uns gesellschaftlich zu verorten, doch überhöhten Idealen und unrealistischen Vorstellungen hinterherzulaufen macht auf Dauer nicht froh, sondern unglücklich. Der Maßstab für dein Leben solltest du selbst und deine Ziele sein und nicht Überflieger à la Mark Zuckerberg.

Da wir uns dem ewigen Vergleichen scheinbar nicht entziehen können, wird es Zeit, mit den propagierten Idealvorstellungen aufzuräumen. Wir sollten über unseren eigenen Schatten springen und die Angst vor Ablehnung mangels Schokodasein abschütteln. Hört dafür einfach auf so zu tun, als gäbe es im Leben keine Rückschläge oder Fehltritte, keine hässlichen Selfies, verpfuschte Prüfungen oder verschüttete Milch. Habt Mut zur Mittelmäßigkeit und sagt dem Perfektionismus den Kampf an, mit bewusst witzigen Selfies oder einem sehr unterhaltsamen Realitätscheck der Hochglanzmagazine.
Shaban & Käptn Peng würden sagen: „Nachdem wir uns jetzt alle gegenseitig an unsere eigenen Nasen gefasst haben, atmen wir einmal tief durch die Selbige ein und schreien drei Mal laut: Hurra - ich bin ein fröhlicher Homo Sapiens ...“