Hör doch, was du willst

Rund 16.000 Wörter sprechen wir im Durchschnitt pro Tag. Dabei kann die ein oder andere Nachricht schon einmal ihr Ziel verfehlen. Wir hätten da einen Ansatz, um deine Treffsicherheit zu erhöhen - doch lies selbst.

DAS PROBLEM

Endlich Oktober, endlich Studentin. Voller Vorfreude sitze ichDie Autorin Charlotte studiert Sprechwissenschaften an der Uni Halle. im Umzugstransporter, der mich und mein Hab und Gut in meinen neuen Lebensabschnitt kutschieren soll. Das Gefährt wird von meinem neuen Mitbewohner Malte durch die buntblättrige Herbstlandschaft gelenkt.
Mit einem Lächeln im Gesicht mache ich ihn darauf aufmerksam, dass wir uns gerade mit 50 km/ h Fahrtgeschwindigkeit in einer Tempo-30-Zone befinden. Die bis dato euphorisch-entspannte Umzugsstimmung weicht spontan einer Eiszeit, nachdem Malte auf meine verbale Erinnerung entnervt mit den Worten „Fahr doch selber, wenn du meine Fahrweise miserabel findest und alles besser weißt!“ antwortet. Malte schweigt eisern – ich bin sprachlos – und plötzlich sieht der Herbst in Sachsen-Anhalt für mich ganz trostlos aus.

Wer kennt solcherlei Missverständnisse nicht. Eigentlich war das Gesagte doch ganz anders gemeint, aber in Nullkommanichts ist aus diesem Akt des Aneinander-Vorbeiredens, eine wohl denkbar unbehagliche Situation geboren.

Kommunikation ist ein wunderbares Mittel, um Missverständnisse in die Welt zu schaffen.

DER LÖSUNGSANSATZ

Das vom Psychologen Schulz von Thun entwickelte „Vier- Ohren-Modell“ ermöglicht es dir, kommunikative Nachrichten nach vier Aspekten zu reflektieren, um so die Nachrichten deiner Mitmenschen zu dechiffrieren und eigene Anliegen so auszudrücken, dass sie bestmöglich verstanden werden können. Damit bist du zukünftig für derartige Situationen bestens gewappnet.

EIN WENIG THEORIE SCHADET NIE

Damit die Macht der vier Ohren„Nutze sie weise!" auch mit dir ist, veranschaulichen wir das Modell nun mit einem Ausflug in die vierohrige Schulz-von-Thun-Welt am Beispiel des Gesprächs im Umzugstransporter. Stell dir vor, du und alle dich umgebenden Menschen hätten vier Ohren. Jedes dieser vier Ohren interpretiert dabei die Aussage „Du fährst gerade 50 km/h auf einem Straßenabschnitt, der für 30 km/h ausgelegt ist.“ anders.

Das SachohrDie profane Frage, die sich das Sachohr stellt, lautet: „Worüber werde ich informiert?“. Im Mittelpunkt steht also der reine Informationsgehalt. Diese sehr nüchterne Empfangsgewohnheit findet sich vor allem bei Männern und Akademikern. nimmt ausschließlich reine Informationen auf: „Du willst mir sagen, dass ich gerade 20 km/h über dem Geschwindigkeitslimit bin.“

Das SelbstoffenbarungsohrDas Selbstoffenbarungsohr stützt sich auf die Analyse von Ahnungen zur Persönlichkeit des Senders. Es versucht herauszuhören, was die Nachricht über den Sender verrät. analysiert, was die Nachricht über die Persönlichkeit des Sprechers aussagen könnte. In unserem Fall könnte das zum Beispiel so aussehen: „Du willst mir sagen, dass ich langsamer fahren soll, damit du nicht schon am ersten Tag in deiner neuen Stadt Kontakt zu den hiesigen Polizeibeamten hast. “

Das BeziehungsohrWenn ein Empfänger eine Nachricht auf dem Beziehungsohr hört, dann wird er die Aussage stets auf sich beziehen und sich geachtet, wertgeschätzt, belächelt, angegriffen, etc. fühlen. bezieht die getroffene Aussage allein auf sich sowie seinen Besitzer und interpretiert gern: „Du willst mir sagen, dass ich ein unachtsamer Autofahrer bin und du die bessere Autofahrerin?!“

Das AppellohrDiese Art des Hörens beschränkt sich auf Empfangen von Anweisungen zu Aktionen und/oder Reaktionen. Besitzer eines solchen Lieblingsohres suchen stets nach unausgesprochenen Erwartungen in Botschaften und versuchen diesen zu entsprechen. hört stets eine Aufforderung zum Machen, Denken oder Fühlen heraus: „Du willst mir sagen, dass ich sofort 20 km/h langsamer fahren soll.“

WAS DU DARAUS LERNEN KANNST

Jeder von uns hat in der Regel ein Lieblingsohr, mit welchem primär gehört und andersherum auch intuitiv adressiert wird. Deshalb: Werde dir über deinen persönlichen „Favorit“ bewusst und reflektiere, welches Ohr du gerne mal auf taub stellst. Das gilt natürlich ebenso für deine Mitmenschen.

Im Gespräch mit Malte zeigte sich, dass sein primäres Ohr das Beziehungsohr zu sein scheint. Da ich meine Aussage jedoch an das maltesche Sachohr gerichtet habe, hätte es zur Deeskalation der Situation beigetragen, wenn ich die Botschaft im Nachhinein noch einmal relativiert und Malte meine tatsächliche Intention erläutert hätte.

Noch eleganter und somit der Weisheit letzter Schluss wäre es, gleich mit dem Wissen der „Ohrigkeit“ von Malte eine für ihn eindeutig verständliche Nachricht zu senden.

Wenn du dir über dein Lieblingsohr und das deines jeweiligen Gegenübers im Klaren wirst und dementsprechend kommunizierst, kann wenig schiefgehen – weder in der Schule, Hochschule, Beruf oder im Alltag. Diese vier verschiedenen Kanäle zu verinnerlichen, kann dein Schlüssel zum kommunikativen Glück sein und deiner Persönlichkeit in Kommunikationssituationen eine neue Facette geben.

Ob du mit deiner Selbsteinschätzung zu deinem persönlichen Lieblingsohr richtig liegst, kannst du auch im Selbsttest herausfinden: Hier geht's zum Test.