Generation Überangebot: Warum es uns so schwer fällt Entscheidungen zu treffen

Ich bin, wofür ich mich entscheide – wie die Wahl zu Qual werden kann und warum Entscheidungen nicht unumstößlich sind.

BEVOR DER KOPF SCHWIRRT, MUSS DER BAUCH ÜBERNEHMEN

Der Mensch fällt in etwa 20.000 Entscheidungen pro Tag. Bei dieser Fülle an Entscheidungsmomenten bleibt gar keine Zeit, jedes Mal bewusst eine Wahl zu treffen. Grundlegende Entscheidungen über das Stillen unserer körperlichen Bedürfnisse oder simple Alltagsentscheidungen – Kaffee oder Tee? – treffen wir ganz automatisch und ohne darüber nachzudenken, aus dem Bauch heraus. Denn müssten wir hierbei jedes Mal über mögliche Alternativen grübeln, wäre unser Hirn aufgrund der dauerhaften kognitiven Auslastung schlicht und einfach überfordert.
Andererseits gibt es genug Situationen in Ausbildung, Beruf oder Sozialleben, in denen wir ganz bewusst über eine Entscheidung nachdenken und verschiedenen Optionen abwägen. Indem wir letztlich eine Wahl treffen, schließen wir mögliche Alternativen aus und wählen andere Optionen wissentlich ab. Eine Entscheidung zu treffen heißt demnach immer auch, auf etwas anderes zu verzichten.
Dabei ist Verzicht in den heutigen Konsumgesellschaften alles andere als en vogue. Die ganzjährige Auswahl exotischer Früchte im Supermarkt, durchgängig freier Zugang zu gesammeltem Wissen im Netz oder 24/7 Shopping via Amazon: alles ist immer verfügbar, Verzicht war gestern! Im Zweifel liegt es an uns die Entscheidung zu treffen, bewusst auf etwas verzichten zu wollen und wie schwer uns das fällt, hängt unter anderem von unserer Persönlichkeit ab.

WIE WIR ENTSCHEIDEN: PERFEKTIONISMUS VS. GENÜGSAMKEIT

Der amerikanische Psychologe Barry Schwartz hat untersucht, auf welche Art und Weise Menschen Entscheidungen treffen und dabei zwei Typen unterschieden: Maximizer und Satisficer.

Die Maximizer sind Perfektionist_innen, auch bei der Entscheidungsfindung. Unter der Devise: „Nur das Beste ist gut genug“, müssen ALLE möglichen Optionen ausgelotet und gegeneinander abgewogen werden, bevor eine Wahl getroffen wird. Je größer die Auswahl, desto höher auch Zeit- und Energieaufwand. Bei der Wahl zwischen zwei Vorspeisen eher weniger dramatisch, bei der Suche nach einem Studienplatz eine ziemlich unmögliche Aufgabe. Zudem werden Maximierer_innen fortwährend von der Angst geplagt, vielleicht doch nicht die perfekte Wahl getroffen und eine bessere Alternative vernachlässigt zu haben.

Genügsame Entscheider_innen, die Satisficer, treffen hingegen eine Wahl sobald sie eine Option gefunden haben, die ihren Maßstäben entspricht, und müssen dafür nicht alle möglichen Alternativen in Betracht ziehen. Denn sie sind sich bewusst, dass ein endloses Sammeln von Informationen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr weiterbringt, sondern nur noch anstrengt. Das spart Zeit, Energie und macht weniger unzufrieden – wenn eine Wahl den eigenen Vorstellungen genügt, gibt es keinen Grund sie zu bereuen oder nach besseren Optionen Ausschau zu halten. Dabei heißt das nicht, dass sie anspruchsloser sind als Perfektionist_innen. Die eigenen Ansprüche können sehr hoch sein, nur reicht es diese zu erfüllen, anstatt darüber hinaus alle Optionen zu vergleichen.

MEHR AUSWAHL = MEHR ZUFRIEDENHEIT?

Für perfektionistische Entscheider_innen kann das vorhandene Überangebot so regelrecht zur Hölle werden. In dem Bestreben, stets das Bestmögliche herauszuholen und nicht vorher aufgeben zu wollen, besteht die Gefahr, vor gefühlt unmöglich richtig zu treffenden Entscheidungen zu kapitulieren und diese letztlich herauszuschieben oder zu umgehen. Doch auch nur eine Option zu wählen, die den eigenen Maßstäben genügt, ohne sich dem Stress des Komplettvergleichs auszusetzen, ist manchmal schon nicht zu bewältigen. Im wahrsten Sinne des Wortes wird dann die Wahl zur Qual.

Auch Schwartz argumentiert in seinem Buch „Anleitung zur Unzufriedenheit: Warum weniger glücklicher macht“, wer die Wahl habe, sei glücklicher – wer zu viel wählen müsse, sei schnell unglücklich. Autonomie sowie das Gefühl die Kontrolle zu haben und wählen zu können, würden im Allgemeinen zufrieden machen. Jedoch seien mehr Optionen nicht immer gleichbedeutend mit mehr Zufriedenheit. Das ständige Überangebot mache nicht nur den Perfektionist_innen unter uns das Leben schwer, sondern scheine diesen Entscheidungstypus sogar immer häufiger auftreten zu lassen.

Denn je höher der Lebensstandard und damit das Ziel unsere Bedürfnisse allumfassend zu erfüllen, desto mehr Auswahl wird für unterschiedliche Lebenssituationen geschaffen. Kindergarten oder Tagesmutter, Privatschule oder Internat, Ausbildung oder Studium, Kind oder Hund, Pauschalreise oder Abenteuer? In der Annahme, nur mit einer entsprechend Menge an Alternativen sei es möglich, die richtige Wahl zu treffen, sehen wir uns einer Fülle an Optionen gegenüber. Bei so vielen Möglichkeiten haben wir den Anspruch, dass die Wahl unsere Persönlichkeit bestmöglich widerspiegelt: Jede Entscheidung wird eine Aussage über uns als Individuum.

Mit dem Anspruch, den einen Weg zu finden, mit welchem wir uns identifizieren, wird die Entscheidungsfindung zur Mammutaufgabe. Denn indem wir eine Entscheidung zu einer Aussage über unsere Persönlichkeit machen, steigt nicht nur der Druck, alle möglichen Optionen auszuloten, sondern auch die Angst vor Fehlentscheidungen. Diese kämen einem persönlichen Versagen gleich und hätten schlimmstenfalls soziale Ablehnung zur Folge. Um dieses Szenario um jeden Preis zu vermeiden, treffen wir am Ende, aus Angst vor der falschen Wahl, gar keine.

Dein einziger Fehler: Es nicht zu versuchen.

ENTSCHEIDUNGEN SIND KEINE EINBAHNSTRASSE

Ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist, stellt sich dabei meist erst hinterher heraus. Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann vertrat sogar die Ansicht, dass es nicht wichtig sei, was bei einer Entscheidung entschieden wird, sondern dass überhaupt eine Wahl getroffen wird. Denn schlimmer, als die falsche Entscheidung zu treffen, ist es, gar keine zu treffen.

Um der Lähmung vorzubeugen, ist es daher manchmal gut, nicht immer alle Optionen kennen zu wollen. Je größer und verlockender die Auswahl, desto schwerer können wir uns entscheiden. Die ständige Jagd nach der besten Alternative führt oft zu Stress und weniger Zufriedenheit mit der getroffenen Wahl. Das könnte ein bisher unterschätzter Faktor sein, der zur erstaunlichen Schere zwischen Wohlstand und Glück beiträgt.

Doch sich selbst Scheuklappen anzulegen und vor den zahlreichen Wahlmöglichkeiten die Augen zu verschließen, dürfte schwerer sein als gedacht. Immerhin werden wir tagtäglich mit immer neuen Angeboten und Produkten bombardiert, die uns eine angebliche optimale Entscheidung versprechen, indem sie „das Beste“ sind: die besten Schuhe, das beste Handy, die beste Uni. Die einzige Möglichkeit scheint zu sein, sich von dem Anspruch, jedes Mal eine perfekte Entscheidung treffen zu wollen, zu verabschieden. Nur weil es mehr Optionen gibt, heißt es nicht, dass wir uns mit jeder Wahl selbst verwirklichen müssen. Eine Entscheidung muss nicht immer perfekt, sondern den eigenen Maßstäben genügend sein, auch wenn das anderen mittelmäßig erscheinen mag.

Zumal keine Entscheidung unumstößlich und für immer in Stein gemeißelt ist, denn Meinungsänderungen und damit verbundene Veränderungen sind immer möglich. Die Wahl für einen bestimmten Ausbildungsweg ist eine von Abertausenden im Leben und wird es eine Zeit lang maßgeblich, aber nicht für immer grundsätzlich, bestimmen. Beispiele gefällig? Meine Schwester, die mitten in ihrer erfolgreichen Selbstständigkeit als Goldschmiedin und mit vier Kindern beschlossen hat, noch mal Jura zu studieren. Eine Freundin, die nach abgeschlossenem Studium ihrer Leidenschaft nachgeht und eine Ausbildung im Handwerk angefangen hat. Oder gleich die Bundeskanzlerin, welche mit einem Doktor der Physik einen Weg als Politikerin auf internationaler Ebene eingeschlagen hat.