Das passende Studium finden: Eine Frage der Persönlichkeit!

Welche Fragen dich auf der Suche nach dem passenden Studium wirklich weiterbringen, warum jede*r von uns häufiger auf Anrufbeantworter sprechen sollte und weshalb der Elfenbeinturm ein schlechter Ratgeber ist, hat uns Nance Kaemmerer vom Transfer- und Gründerzentrum der Uni Magdeburg verraten.

Nance Kaemmerer in ihrem Element: Als Gründungscoach sensibilisiert, motiviert und qualifiziert die studierte Informatikerin Gründer*innen und Gründungsinteressierte. Foto: Christian Rössler/ Transfer- und Gründungszentrum

Wie jedes Jahr um diese Zeit stehen tausende von frischgebackenen Abiturient*innen vor der Frage: Wohin führt das Leben jetzt? Zugegeben, keine leichte Frage. Gründungsberaterin Nance Kaemmerer zitiert an der Stelle gern Kofi Atta Annan, der da sagt: „Leben heißt Wählen“ und ich erwische mich dabei, wie ich kurz gedanklich abschweife und denke: Ja, das ist ein wirklich interessanter Gedanke, denn im Grunde finden wir uns doch alle ständig in Lebenssituationen wieder, in denen wir uns entscheiden müssen. Klar, nicht jede Entscheidung ist so weitreichend, wie die ein Studienfach zu wählen, denn immerhin heißt ein Studium beginnen, womöglich noch in einer neuen Stadt, eine Veränderung, die man bis dahin so nicht kannte. "Dennoch lässt sich feststellen", so Kaemmerer, "dass jede Entscheidung zu einem gewissen Maß Unsicherheiten und Ängste mit sich bringt - das ist ganz normal".

Entscheidungen sind unweigerlich an Unsicherheiten und Ängste gekoppelt.

Doch diese Unsicherheiten müssen nicht zwangsläufig lähmend sein. Gut kanalisiert können sie sogar Antrieb geben und die Entscheidung vorantreiben, wie ich erst letztlich in einem TED Talk lernte. Jede*r von uns sollte deshalb für seine nächste Entscheidung im Hinterkopf behalten: Unsicherheiten sind ganz normal, lass dich von diesem Gefühl nicht hemmen, sondern nutze die entstehende Energie, um diesen Ängsten entgegenzutreten.

WECKE DAS FUNKELN IN DIR

Die mögen alle gut reden haben, aber wie soll das bitte funktionieren?, magst du dir vielleicht jetzt denken. Dafür hat die Gründungsberaterin Antworten parat. So beschreibt sie, wie sie bei der täglichen Arbeit immer wieder auf angehende Gründer*innen trifft, die mit einer großartigen Leidenschaft an ihr Vorhaben denken: „Diese Menschen wollen wirklich die Welt verbessern und beim Gedanken daran, glänzen ihre Augen. Ich spüre regelrecht, wie mir die Leidenschaft für die Sache entgegen funkelt. Und genau das ist es auch, was man die Studienentscheidung betreffend, spüren sollte: Leidenschaft, ein Brennen für das Interessenfeld. Wer das beim Gedanken an sein zukünftiges Studium nicht verspürt, sollte noch einmal einen Schritt zurückgehen.“

AUF EIN DATE MIT DIR SELSBT

Um zu vermitteln, wie man diesen Schritt am besten geht, lädt Nance Kaemmerer die Studieninteressierten in ihren Workshops gedanklich auf eine Reise zu sich selbst ein: „Ich bitte alle die Augen zu schließen und schicke sie mit einigen Fragen auf ihren Zukunftsweg. Dabei geht es nicht darum, bereits konkrete Ziele zu formulieren, vielmehr gilt es zunächst auszuloten, welche Vorstellungen von einem zukünftigen Leben das Innere zum Leuchten bringen können und so die bereits angesprochene Leidenschaft wecken.“

Oftmals stellt Kaemmerer dann fest, dass viele der Teilnehmer*innen noch gar kein konkretes Bild von sich vor Augen haben und gibt den Suchenden die Aufgabe mit nach Hause: „Entwickle mit Hilfe des Gedankenmodells eine Vision und ein Gefühl von dir selbst, auch wenn das noch nicht konkret ist, hilft es dir dabei zu erkennen, wer du bist und noch viel wichtiger: Wer du sein willst. Das kann ganz alltägliche Dinge betreffen, so zum Beispiel: Möchte ich später mal im Team arbeiten? Will ich mir meine Arbeitszeit frei einteilen? Möchte ich Visionen am Schreibtisch entwickeln und so neue Gedanken in die Welt bringen oder doch eher praktisch arbeiten? Wo möchte ich leben und wie soll mein Tag aussehen? usw. Wer diese Aufgabe bewältigt, ist dem Ziel, das passende Studium zu finden, schon einen ganzen Schritt näher."

"Weiterhin hilfreich ist es", so die Gründungsberaterin, "sich nicht nur auf einzelne Berufsgruppen wie bspw. Ärztin oder Tänzer festzufahren." Dabei wird aus den gedanklich eingrenzendem Wunsch Ärztin zu werden, der Wunsch Menschen helfen zu können, sie zu heilen. Oder aus der Vision des Tänzers die Idee Menschen unterhalten zu wollen. Öffnet man seinen Blick dahingehend, erscheinen plötzlich viel mehr Möglichkeiten vor dem inneren Auge. "Da gerade junge Menschen gern noch starr in Schulfächern denken, versuchen wir diese so aufzubrechen, sagt Kaemmerer. "Im Ergebnis sollte jede*r", so vergleicht sie treffend, "in der Lage sein, seiner Zukunft auf den Anrufbeantworter zu sprechen: „Wer bin ich und was will ich.“ Denn wer ein konkretes Bild von sich selbst hat, zu sagen weiß, was ihr/ihm persönlich wichtig ist, kann fundierte Entscheidungen treffen.

Wer beim Gedanken an sein zukünftiges Studium keine Leidenschaft verspürt, sollte noch einmal einen Schritt zurückgehen.

VERLASSE DEINEN ELFENBEINTURM

Zu wissen, was das Zukunfts-Ich begehrt, ist bereits unglaublich wertvoll. Doch schwer wird es Wunschberufsalltag und mögliche Realität abzugleichen, denn auf Erfahrungswerte können Studieninteressierte meist nicht zurückgreifen. Doch auch für dieses Dilemma weiß die Workshopleiterin Rat: „Verlasse deinen Elfenbeinturm, spreche mit denen, die bereits in anvisierten Feldern studieren oder arbeiten, absolviere Praktika und laufe so schon einmal gedanklich den Weg ab.“ Als wichtigen Hinweis gibt Kaemmerer noch ergänzend auf den Weg: „Externe Einschätzungen aus dem nahen Umfeld sind prima, um Selbsteinschätzung und Fremdwahrnehmung abzugleichen. Man sollte sich jedoch davor in Acht nehmen, Einschätzungen und gute Ratschläge von außen zu viel Raum zu geben - Entscheidungen bleiben eine Frage der Persönlichkeit und sollten letztlich auf der Entdeckung des eigenen Ichs basieren - in der Beratung spricht man auch von Exploration.“

WAS WÜRDEST DU TUN, WENN DU KEINE ANGST HÄTTEST?

Mir hat Nance Kaemmerer während unseres Gesprächs einige Aha-Effekte beschert, denn die Tipps lassen sich ganz großartig auf viele Lebenssituationen, die Entscheidungen einschließen, übertragen. Kaemmerer meint dazu: „Das ist tatsächlich so! Und auch wichtig, denn dieses Vorgehen sollte jede*r von uns immer mal wieder anwenden, um zu überprüfen, ob das Bild vom Zukunfts-Ich weiterhin passt.“

Für mich klingt das aber auch nach einem kleinen Wermutstropfen, denn wenn meine Vorstellungen irgendwann nicht mehr passen, bedeutet das ja vielleicht gleichermaßen, sich einzugestehen, gescheitert zu sein. Da tröstet mich Frau Kaemmerer und sagt: „Scheitern gehört z.B. in der Gründungsszene der USA mittlerweile zum guten Ton. Hier bei uns wird das Potenzial des Scheiterns leider noch viel zu selten erkannt. Und das obwohl man, schaut man sich die Lebensläufe großer Persönlichkeiten an, kaum einen geradlinigen Verlauf finden wird. Wir sollten lernen, Fehler als hilfreich zu betrachten, sie bringen uns weiter, lassen uns wachsen und formen unsere Persönlichkeit.“ Eine fundierte falsche Entscheidung gibt es somit faktisch gar nicht - worauf wartest du also noch?