Chill mal: wie du Stress keine Chance gibst

Stress als Motor und zugleich Blockade entsteht in unseren Köpfen. Zeitmanagement und weniger Angst vorm Scheitern sind deine Superkräfte um ihn im Zaum zu halten.

Die erste Woche an der Uni war für mich damals ebenso aufregend, wie schlichtweg stressig. Mit dem Rad durch die fremde Stadt navigieren (ohne den Bahngleisen zum Opfer zu fallen, ja, danke Halle), über den Campus irrend verschiedene Hörsäle suchen, um letztlich zu spät in eine Vorlesung zu stolpern, Stundenplan erstellen, Bücher kaufen und nebenbei noch ein Sozialleben aufbauen. Innerhalb weniger Wochen hatte ich mein Leben einmal komplett auf den Kopf gestellt und mich selbst gewaltig aus der Komfortzone katapultiert.
Doch mit der Zeit kam die Routine und mit ihr die Gelassenheit. Irgendwann wusste ich, dass ich exakt acht Minuten brauche, um von meiner Wohnung in den Hörsaal zu gelangen, dass ich nicht jedes Buch sofort kaufen, sondern nach zwei bis drei Wochen getrost irgendwo leihen oder gebraucht erstehen konnte und, dass es sich lohnte bei überfüllten Seminaren und verpassten Fristen mit den Dozent_innen zu sprechen und ich mir den meisten Stress selber gemacht hatte.

STRESS, DEIN FREUND UND HELFER?

Auch wenn wir mit Stress meist negative Gefühle verbinden, ist er in erster Linie ein Werkzeug unseres Körpers um die eigene Leistungsbereitschaft zu steigern und Herausforderungen zu meistern. Befinden wir uns im Stress, schlägt der Körper Alarm: Adrenalin und andere Stresshormone werden ausgeschüttet, Atmung und Pulsschlag werden beschleunigt und der Körper läuft zu Höchstform auf. In Urzeiten sicherte dies dem Menschen im Kampf oder auf der Flucht das Leben. Heute wird durch die Bewältigung von stressigen Situationen das Selbstvertrauen gesteigert und man fühlt sich erfolgreich.
Wer jedoch ständig unter Strom steht ohne anschließende Erleichterung und Entspannung, riskiert psychisch und physisch darunter zu leiden. Herz- und Kreislaufbeschwerden, Magenschmerzen, Schlafstörungen, Depressionen, mangelnde Konzentration und Gereiztheit können die Folgen sein.
Auch Studierende klagen zunehmend über gestiegenen Leistungsdruck im Studium, und psychische Erkrankungen bis zum Burnout sind, bereits vor dem Berufsalltag, keine Seltenheit mehr. Die mit Bologna eingeführte Regelstudienzeit und eine daran geknüpfte Finanzierung haben das Studium in einen Dauerlauf von Prüfung zu Prüfung verwandelt, bei dem einen Gang runter fahren für viele nicht zur Debatte steht. Zudem steigt mit größeren Zahlen an Studierenden und Absolvent_innen die Konkurrenz um einen Masterplatz und damit auch der Notendruck. Der Bachelor ist zum Stressfaktor geworden.

GEH DIR AUS DEM WEG

Der größte Stressfaktor von allen sind dabei wohl immer noch wir selbst. Stress ist ein individuelles Phänomen und bedeutet für jeden etwas anderes. Nicht eine bestimmte Situation löst Stress aus, sondern die Art und Weise, wie wir diese wahrnehmen und damit umgehen, Stichwort Resilienz. Häufig entsteht Stress, weil man zu hohe Ansprüche an sich selbst hat oder Ziele und Aufgaben nicht realistisch genug einschätzt. Viele Studis kommen mit hohen Erwartungen an sich selbst und das Studium an die Hochschule. In der Idealvorstellung ist inhaltlich alles umwerfend, du selbst bist immer motiviert und nebenbei schaffst du es dich mit Praktika von der breiten Masse der Kommiliton_innen abzuheben. Das geht so lange gut, bis dir die eigenen Ansprüche ein Bein stellen und du an dir zu zweifeln beginnst.
Tatsächlich solltest du dir von Beginn an klarmachen, dass es während des Studiums Höhen und Tiefen geben wird und eben nie alles perfekt läuft. Die irrsinnige Vorstellung, dass immer alles auf Anhieb klappen muss, lässt keinen Raum für menschliche Fehltritte und baut mehr Druck auf als alle Fristen zusammen. Dabei ist niemand perfekt und Scheitern gehört letztlich in jedem Studium mal dazu. Das bedeutet nicht, dass man sich davor fürchten muss. Es geht vielmehr darum, in den Untiefen gekonnt zu navigieren und nicht dem Stress das Ruder zu überlassen.

PLAN DICH FREI

Stress komplett vermeiden können und sollten wir nicht. Immerhin verhilft uns dieser gewisse Druck dazu, rechtzeitig Präsentationen fertigzustellen, Hausarbeiten auf den letzten Drücker abzugeben und manche Dinge überhaupt in Angriff zu nehmen, anstatt als ewige Couchpotato zu enden.
Wichtig ist jedoch, mit Stress umgehen und ihn handhaben zu lernen, anstatt ihm zum Fraß vorgeworfen zu werden. Die Nummer eins, um Überforderung im Zaum zu halten, ist tatsächlich gutes Zeitmanagement. Wer richtig plant, und sich vor allem auch daran hält, beugt jeder Menge Panikattacken vor. Das Eisenhower-Prinzip hilft dir, Aufgaben nach Dringlichkeit und Wichtigkeit zu ordnen und einen groben Fahrplan für dein Arbeiten zu erstellen. Mit der ALPEN-Methode lassen sich konkrete Tagespläne erstellen und Aufgabenbereiche strukturieren. Wenn alles nichts mehr Hilft und die Deadline in sichtbare Nähe rückt, solltest du dem Pareto-Prinzip entsprechend radikale Prioritäten setzen.
Um Stress etwas Positives abgewinnen zu können, ist es generell wichtig, dass sich Anspannung und Entspannung die Waage halten. Auch, und vor allem, in stressigen Zeiten solltest du dir und deinem Körper Erholungsphasen gönnen und bewusst Freizeit einplanen, um Spaß zu haben: widme dich deiner Lieblingsserie bei Netflix, mach dir einen feuchtfröhlichen Abend mit Freunden oder durchforste Spotify nach neuer Musik.
Wer dem Kopf Zeit zum Spielen lässt, ist ausgeglichener und kann sich wieder besser auf die eigenen Stärken besinnen. Als Inspiration kannst du dir diese 101 leicht zu befolgenden und teilweise sehr unterhaltsamen Tipps eines amerikanischen Professors an seine Studierenden anschauen.

NEED HELP?

Wem Stress und Überforderung im Studium zusetzen, kann sich zudem an hochschuleigene Sozialberatungsstellen wenden. Diese bieten ein offenes Ohr für Probleme sowie Hilfe bei psychischer Überlastung und einer damit verbundenen, möglichen Verlängerung der Regelstudienzeit an.