Arbeitswelt 4.0 – was bringt die Zukunft?

Bei der Frage nach der Arbeitswelt von morgen geht es nicht nur um Digitalisierung und Prognosen, denen zufolge uns Roboter ersetzen werden. Es geht vielmehr um die Frage: Wie wollen, können und werden wir in Zukunft arbeiten?

Mit ziemlicher Sicherheit nicht so wie heute, da scheinen sich inzwischen alle einig zu sein. Die traditionelle Form der Lohnarbeit – 40h die Woche, 5 Tage lang im Büro sitzen – wird zugegebener Maßen immer unattraktiver und scheint auf lange Sicht ausgedient zu haben. Bereits vor 3 Jahren stellte die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände den Acht-Stunden-Tag als unzeitgemäß in Frage und forderte flexiblere Arbeitszeiten. Der aufkommende Wunsch nach mehr Work-Life-Balance, gepaart mit der Digitalisierung, hat in den letzten Jahren alternative Arbeitsmodelle florieren lassen: ClickworkingClickworking steht für das Verrichten von Arbeiten auf sog. Arbeitsplattformen im Internet, z.B. Texte schreiben, Übersetzungen oder Designaufgaben., digitales NomadentumAls digitale Nomaden bezeichnet man Menschen, deren Arbeit mithilfe digitaler Technik weitgehend zeit-und ortsunabhängig ist., Selbstständigkeit oder Vermieten von Arbeit über Plattformen wie Uber und Airbnb. Seit einiger Zeit wird zudem viel über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens und der Abschaffung von Erwerbsarbeit im klassischen Sinne, diskutiert.

SICHERHEIT VS. SELBSTBESTIMMUNG – 0:1

Die Arbeitswelt reagiert auf dieses neue Verständnis von Einkommenserwerb und wird Zusehens flexibler: Arbeit von zu Hause im Homeoffice soll für mehr Selbstbestimmung sorgen, Teilzeitstellen oder Kitaplätze die Vereinbarkeit von Beruf und Familie garantieren und Stellen im Ausland den kulturellen Austausch fördern. Zudem sind wir nicht mehr lebenslang an einen Arbeitgeber oder gar Ort gebunden und können uns Arbeit suchen, wie es zu uns und unseren Lebensumständen passt. Egal ob zu Hause, im Büro oder am Strand auf Bali.
Wer von den Vorteilen des selbstbestimmten und freien Arbeitens als Selbstständige_r profitieren möchte, verzichtet damit jedoch oft auf die Sicherheiten eines festen Jobs, wie angemessener Bezahlung und sozialer Absicherung. Das dezentralisierte Angebot von Arbeitsleistungen im Internet führt teilweise zu Lohndumping und stellt den Arbeitsmarkt von morgen vor neue Herausforderungen. Egal ob als Angestellte_r oder Selbstständige_r, zu beobachten ist, dass die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr verschwimmt. Das Beispiel einer jungen Japanerin, die an den Folgen ihrer geleisteten Überstunden gestorben ist, ist ein Extremfall. Doch dank neuer Technologien sind wir immer öfter auch zu Hause erreichbar, beim Homeoffice sagt schon das Wort die Symbiose von Arbeit und Privatem voraus und bei manchen Start-Ups gehört es zur Unternehmenskultur, mit den Kolleg_innen an einem Ort zu wohnen und zu arbeiten.
Bis zu welchem Maß ist diese Überschneidung von Arbeit und Privatleben gesund und definieren wir uns vielleicht inzwischen zu sehr mit unserer Arbeit?

MEIN JOB UND ICH, EINE LIEBESGESCHICHTE?

Der deutsche Philosoph Gerd Achenbach, gab in einem Interview zu bedenken, dass wir unserer Arbeit heutzutage einen zu hohen Stellenwert einräumen, da wir uns von unserem Job Sinn und Selbstverwirklichung erhoffen. Werden diese Erwartungen enttäuscht, macht das unglücklich. Dabei betont der praktizierende Philosoph, man solle seine Rechtfertigung als Mensch nicht aus der Arbeit ziehen und Selbstverwirklichung im Beruf gäbe es nicht. Denn im Job sei nicht man selbst als Person, sondern eine bestimmte Fähigkeit, Ausbildung oder Leistung gefragt. „Man selbst“ könne man nur da sein, wo man unersetzbar ist.
Und unersetzbar scheinen wir im Berufsleben nicht zu sein, wie immer neue Prognosen der Arbeitswelt von morgen verdeutlichen. Die Digitalisierung wird voraussichtlich Millionen Arbeitsplätze fordern und die Welt grundlegender verändern als die industrielle Revolution im vorletzten Jahrhundert. Der Publizist und Philosoph Richard David Precht konstatierte: „Arbeiten werden die Menschen auch in Zukunft. Aber sie werden es vielleicht nicht mehr für Geld tun, und sie werden es vielleicht nicht mehr für eine Firma tun und sie werden es nicht mehr in einem Angestelltenverhältnis tun."

WAS DIE ZUKUNFT BRINGT? DICH!

Von Unternehmen vermehrt geforderte „employability“, die Bereitschaft flexibel zu sein und sich weiterzubilden; Verlust von Jobs durch die Digitalisierung und Internationalisierung der Arbeitswelt. Ich frage mich selbst oft: Was bedeutet das für mich, wie kann ich meinen Platz in dieser neuen Arbeitswelt finden? Die aufgestellten Prognosen lassen die Zukunft oft unsicher bis düster erscheinen, statt Ausbruchsstimmung liegt Angst vor dem Verlust von Arbeit in der Luft. Dabei bieten diese Veränderungen bei genauem Hinsehen, die Möglichkeit zu positiven Neuerungen. Immerhin stellen sich zunehmend mehr Menschen die Fragen nach Flexibilität und dem Verhältnis von Arbeit und Freizeit neu – und eine technische Revolution könnte die Antwort darauf sein. Digitalisierung und Automatisierung der Arbeitswelt sollten wir daher nicht nur als Bedrohung traditioneller Beschäftigungen, sondern als Chancen sehen, die Welt, in der wir arbeiten, neu zu gestalten.
Die gern skizzierte Vorstellung, dass Roboter alle unsere Jobs übernehmen, ist so pauschal unrealistisch. Vor allem soziale und kreative Berufe werden eine menschliche Domäne bleiben. Das hat vor allem etwas damit zu tun, in welchen Bereichen wir lieber mit Menschen anstatt Maschinen interagieren: Ärzt_innen, Lehrer_innen oder Kindergärtner_innen sind schwer wegzudenken. Doch auch in technischen Bereichen ist eine höhere Bildung vielversprechend. Zwar können viele Tätigkeiten in Industrie und Wirtschaft von leistungsstarken Maschinen übernommen werden, doch parallel dazu werden Fachleute im IT-Bereich benötigt, die diese beherrschen. MINT-Berufe werden demnach weiter gefragt sein und an Bedeutung gewinnen.
Doch egal, ob Beschäftigungen in Zukunft aufgrund der Digitalisierung wegrationalisiert werden oder bestehen bleiben: der Philosoph Gerd Achenbach betont, wir sollten lernen, uns nicht zu sehr über unsere Arbeit zu definieren und uns abseits unserer Leistung wahrnehmen. Voraussetzung für diese Art der Selbstverwirklichung sei Freizeit – Zeit abseits der Arbeit, wo wir die Freiheit haben, uns mit uns selbst zu beschäftigen – und neue Arbeitsmodelle bieten uns diese mehr denn je. Wer diesen Freiraum sieht und nutzt, um sich persönlich weiterzuentwickeln, wird laut dem Philosophen auch in Zukunft immer einen Platz in der Arbeitswelt finden. Denn wer in die eigene Persönlichkeit vertrauen kann, macht sich weniger abhängig von äußeren Umständen und muss keine Angst vor der Zukunft haben, ganz egal wie diese aussieht.